Die neue Demokratie

Beginnen wir mit einer Frage. Ich beschreibe eine Situation, und Sie versuchen zu bestimmen, von welchem Jahr die Rede ist. Okay?

– Massen von Menschen verlieren ihre Jobs an Maschinen.

– Viele sind gezwungen, billige Lohnarbeit bei einer der neuen großen Firmen anzunehmen, und das um ein paar Euro pro Stunde, in zumeist schlechten Arbeitsbedingungen.

– Viele haben keine Versicherung, keine Pensionsvorsorge oder können sich diese nicht leisten.

– Viele arbeiten 80+ Stunden pro Woche, um gerade einmal über die Runden zu kommen.

– Die Gesellschaft driftet immer stärker in eine Einkommensungleichheit.

– Soziale Unruhen bauen sich auf.

Sprechen wir von 2017? Oder von 1778 in England oder 1788 in Frankreich?

Und ewig grüßt das Murmeltier: das kennen wir doch. Eine Ära endet, eine neue beginnt, und wir wieder haben die gleichen Probleme:

– Eine soziale Spaltung zwischen den Eliten und der allgemeinen Bevölkerung,

– Steigende Einkommensungleichheit und

– Unsicherheit bezüglich der persönlichen Lebensplanung, Einkommen und Arbeit.

Das Ergebnis von all dem zeigt sich in Wahlergebnissen, die uns an die dunklen Zeiten der Menschheitsgeschichte erinnern, es zeigt sich in Hasspostings im Internet und in einer gespaltenen Gesellschaft.

Menschen wenden sich radikalen Führern zu, weil sie das Gefühl haben, dass die Demokratie versagt hat.

Was sind aber nun die Epochen, von denen hier die Rede ist?

Es scheint, als hätten wir an Zeitenwenden immer die gleichen Probleme und als würden bisher erfolgreiche Organisationsformen von neuen Organisationsmodellen klar ausgebootet und abgelöst werden.

Heute werden die Silos und Elfenbeintürme der Industriegesellschaft von leichtgewichtigen, effizienten Netzwerken und Sharing Modellen aus dem Geschäft gedrängt.

Aber halten wir einen Moment inne: Was ist mit der öffentichen Hand? Hat Government auch so etwas wie Disruption?

Die Antwort ist ja: An der letzten Zeitenwende wurden Monarchien durch Demokratien ersetzt. Und das sah dann so aus:

Abbildung: Erstürmung der Bastille; Jean-Pierre Houël. Public Domain.

Nicht unbedingt eine friedliche Angelegenheit …

Wie kann aber nun eine solche Eskalation an der aktuellen Zeitenwende verhindert werden, wenn Disruption von Government schon wahrscheinlich stattfinden wird?

Drei Dinge können wir hierzu in Betracht ziehen:

1) Was die Gesellschaft tun kann: Wir brauchen ein neues System, das alte funktioniert nicht mehr.

Was genau ist aber nun ein “System”?

Der letzte Sozialvertrag wurde kurz vor der Französischen Revolution formuliert. Er definierte die Rechte der Bürgerinnen und Bürger und die Prinzipien der Demokratie — statt der Monarchie damals. Inzwischen haben sich Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeit naturgemäß stark verändert.

Was muss hier also verändert werden?

Nun, der letzte Sozialvertrag fokussierte stark auf die Rechte des einzelnen Menschen. Es ging also um das ICH. Klingt ja eigentlich recht ansprechend, nicht wahr?

Heute in einer komplexen Netzwerkgesellschaft scheint es jedoch nötig zu werden, unseren individuellen Rechten und Pflichten ein Gefühl von Solidarität und Verantwortung für einander und für die Gesellschaft hinzuzufügen. Wir müssen uns als Gesellschaft konkret vom ICH zum WIR entwickeln — als Grundprinzip.

Aber: Wir müssen das lernen. Wir wurden zum Konkurrenzkampf erzogen, nicht zu Kooperation und Miteinander.

In der Industriegesellschaft lernten wir: “Konkurrenz belebt das Geschäft”.Nun erkennen wir, dass dies in der Netzwerkgesellschaft nicht mehr gilt und sich zu “Kooperation belebt das Geschäft” wandelte. Wenn Sie eine Expertin oder ein Experte sind, z.B. im Bereich Grafikdesign, dann stellen Sie fest, wenn Sie mit Ihrer Webseite allein im Internet sind, dass es vermutlich günstiger sein wird, mit ihren Kolleginnen und Kollegen zu kooperieren und gemeinsam aufzutreten, um bessere Sichtbarkeit für alle zu generieren.

Ein anderes Beispiel: Es gibt Experimente mit 3 Jahre alten Kindern, die sich gegenseitig durch ein Set an Aufgaben helfen. Im gleichen Experiment stehen sie dann als 7-jährige da und sehen den anderen beim Scheitern zu. Was ist da in der Zwischenzeit passiert?

Wenn wir eine inklusive und prosperierende Gesellschaft wollen, dann müssen wir die naturgegebene Hilfsbereitschaft kultivieren, statt sie bereits in jungen Jahren abzutrainieren und unsere Kinder damit nur zu Wettkampf und … Ignoranz zu erziehen.

2) Was können Regierungen tun: das Credo wird “Government disrupt yourself” lauten müssen.

“Hey government, disrupt yourself!”

Klingt doof, oder nicht? Nun, vielleicht ist das gar nicht so dumm.

Beginnen wir einmal mit folgender Frage: Wer hat heute eigentlich Interesse daran, Government abzulösen, zu disruptieren?

Das aktuelle “Government bashing” sagt uns eigentlich durch die Blume (oder ganz direkt), dass Regierungen ihren Job schlecht machen. Sie werden als ineffizient und teuer dargestellt. Möglicherweise ist das — nicht überall, aber über weite Strecken — durchaus zutreffend. Die Privatwirtschaft sagt nun von sich, sie könne diesen Job besser machen und möchte deshalb öffentliche Leistungen übernehmen.

Das wirft einige Fragen auf:

· Gehen wir allen Ernstes davon aus, dass beispielsweise Google, Amazon, Facebook oder auch Unternehmen wie Uber die Rechte der Bürgerinnen und Bürger wahren werden, auf angemessene Arbeitsbedingungen und Bezahlung achten werden?

· Können wir wirklich ernsthaft annehmen, dass z.B. große Plattformunternehmen plötzlich ihre soziale Ader entdecken und sich selbst einschränken, um eine balancierte Gesellschaft zu kreieren?

Nun, es gibt in der Geschichte keine Referenz, dass so etwas jemals relevant stattgefunden hätte.

Wir müssen hier deshalb auch gar nicht weiter ins Details gehen. Die gesamte (!) Geschichte zeigt, dass es mit einem solchen Ansinnen ein ganz zentrales Problem gibt (Yes Doz erklärt das immer wieder gerne): Die Gesellschaft besteht immer aus allen Menschen, auch den besonders schwierigen, aus Menschen mit Behinderungen, aus Menschen mit finanziellen oder sozialen Problemen und aus den mühsamsten unserer Sorte. All diese Menschen kommen in jeder (!) Gesellschaft vor und machen öffentliche Leistungen weniger oder gar nicht ertragreich. Deshalb will die Privatwirtschaft ja auch nicht ALLE Kundinnen und Kunden.

Aber: die Gesellschaft besteht aus ALLEN und damit hat Government ALLE Menschen.

Bevor wir also blind in eine Zukunft von eingestellten Leistungen gehen (weil sie leider nicht profitabel waren), und bevor wir unser Trinkwasser von einem Unternehmen geliefert bekommen, das wir nicht gewählt haben und das wir später auch nicht mehr loswerden, sollten wir vielleicht einen Blick darauf werfen, was Government gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern tun können, um sich für die Netzwerkgesellschaft geeignet aufzustellen.

Derzeit engagieren sich Plattform-Unternehmen stark in politischem Campaigning unter Ausnutzung ihres Netzwerks. Uber kreierte beispielsweise einen Button in ihrer App, mit dem User sich über bestimmte Regelungen auf Knopfdruck beschweren konnten. Der Bürgermeister erhielt abertausende an Beschwerden und gab schließlich nach. Dieses Beispiel hat sich in New York zugetragen, aber es ist nur eines von vielen.

Nun ist es Zeit, dazu ein paar Fragen zu stellen:

Ist das Demokratie — oder ist das Mißbrauch von Demokratie?

Konnten sich wirklich alle beteiligen?

Eine solche Vorgehensweise ist sicherlich im Interesse von Investoren, aber kann sie auch im Interesse der gesamten Gesellschaft sein?

Konnten die Menschen informierte Entscheidungen treffen oder wurden sie … missbraucht?

Natürlich besteht hier kein Grund, in eine Depression darüber zu verfallen, dass die Gesellschaft gerade mit einem Kater aufwacht und feststellt, dass sie für die Vorteile einiger weniger benutzt wurde. Es gilt vielmehr herausfinden, was zu tun ist, um für die Zukunft geeignetere Bedingungen zu gestalten. Hier ist ein Vorschlag:

Um sich selbst zu disruptieren und damit für die Netzwerkgesellschaft gerüstet zu sein, muss die öffentliche Hand, also Government, ebenfalls ein Netzwerk werden und mit Netzwerken kooperieren.

Government Policies haben häufig Akzeptanzprobleme, aber genau hier kommen eben Netzwerke und Kollaboration ins Spiel. Bitte stellen Sie sich aber Partizipation nicht so vor, dass 7000 Bürgerinnen und Bürger in einer Kongresshalle über Themen diskutieren. Echte Partizipation ist Co-Kreation. Das bedeutet, dass ich in einzelnen Bereichen, in denen ich kompetent oder zumindest interessiert bin, an Government Projekten teilnehme, und zwar dort, wo es gebraucht wird (!).

Bei Co-Kreation geht es also nicht darum, wichtig zu sein, sondern darum, einen Beitrag zu leisten. Auf diese Weise kann das verloren gegangene Vertrauen wieder aufgebaut werden und Vorhaben werden mitgetragen statt oktroyiert. Solcherart können Bürgerinnen und Bürger aufhören, für die Interessen Einzelner missbraucht zu werden und stattdessen gemeinsam ihre eigene Zukunft gestalten — und dabei mehr berücksichtigen als Konzerninteressen.

3) All das läuft auf eines hinaus: Wir brauchen MEHR Demokratie.

Barack Obama sagte kürzlich in einer Rede beim DNC: “Demokratie ist kein Passivsport.” Das kann gar nicht deutlicher bejaht werden. Es reicht eben nicht, wählen zu gehen und sich dann zurückzulehnen oder sich zu beschweren.

Wenn wir also Government neu denken, dann müssen wir der Demokratie ebenfalls ein Update verpassen. Tatsächlich müssen wir von der aktuellen repräsentativen Demokratie zu einer partizipativen Demokratie kommen. Demokratie 4.0, wenn Sie so wollen.

Was bedeutet das?

Wir hören oft: “Wir müssen uns auf die Zukunft vorbereiten, die da kommt.” Es gibt keine fix festgelegte Zukunft, die über uns ausgerollt wird. Die Zukunft muss GESTALTET werden.

Und die Zukunft wird das sein, was wir aus ihr machen. Und wenn wir nichts aus ihr machen, dann machen es eben andere — und wir werden deren Sklaven sein und in deren System leben.

Lassen Sie das sickern. Und dann entscheiden Sie, nicht OB, sondern WO Sie sich beteiligen.

Treten Sie in Aktion. In der Zivilgesellschaft, in echten Government Partizipationsprojekten … aber beachten Sie eins: Vermeiden Sie die reinen online Partizpationsprojekte. Die sagen Ihnen nur: “Wir wollen eigentlich gar nicht mit Ihnen reden.” Suchen Sie jene Projekte, wo echte Menschen sich real treffen und zusammenarbeiten. Die Stadt Wien hat beispielsweise ihre Digitalstrategie gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern entwickelt — und die Bürgerinnen und Bürger arbeiten seitdem in unterschiedlichen Follow-up Projekten mit.

Eine Einschränkung: reine basisdemokratische Strukturen oder eine Gesellschaft völlig ohne Hierarchien ist nicht die Lösung. Weshalb? Basisdemokratie wird ausnahmslos (!) von strategischen Operationen outperformt (ausnahmslos!).

Und: Es gibt darüber hinaus so etwas wie Verhandlungsmacht.

Die Verhandlungsmacht der Konzerne und deren Strategien sind klar sichtbar, beispielsweise über Lobbying.

In einem möglichen Szenario entledigen sich Bürgerinnen und Bürger in idealistischer — wahrscheinlicher aber naiver —Weise der öffentlichen Hand oder ihrer Regierung, um sich aus dem “Regiert-werden” zu befreien. Das alles nur, um sich in einem neuen Szenario wiederzufinden, in dem sie dann stattdessen von Google, Facebook und Amazon regiert werden. Gleichzeitig stellen sie fest, dass sie ihre Verhandlungsmacht und strategische Führung mit abgegeben haben, indem sie Government abschafften oder in die Bedeutungslosigkeit degradierten.

Wenn die Menschen ihre eigene Verhandlungsmacht eliminieren, wird als logische Konsequenz Ausbeutung und finanzielle Ungleichheit zügig eskalieren … so lange, bis die Menschen zurückschlagen wollen?

Das ist der Punkt: Können wir uns darauf einigen, die aktuelle Zeitenwende so zu organisieren, dass diesmal nicht alles in Grund und Boden kaputtgeschlagen werden muss?

Können wir uns darauf einigen, die aktuelle Zeitenwende zivilisert zu managen? Maybe because it’s 2017?

Die Idee dabei ist, dass es in der Netzwerkgesellschaft um das Prinzip des Teilens geht.

Das Prinzip “Teilen” betrifft allerdings nicht nur die so-genannte “Sharing Economy”. Es geht auch um das Teilen des gemeinsam erarbeiteten Wohlstandes im Sinne fairer Bezahlung und Steuersysteme und eben auch um “Sharing Government” — also ein gemeinsames Gestalten politischer Prozesse und Projekte und der Gesellschaft, wenn wir die Probleme der Vergangenheit nicht stumpf wiederholen wollen. Es scheint empfehlenswert, diese Gestaltung, eben nicht an Amazon, Google & Co zu delegieren, sondern besonnen selbst in die Hand zu nehmen. Und zwar gemeinsam.

Die neue Elite wären dann jene, die gemeinsam für das Ganze in Aktion treten.

Solidarität und Verantwortung sind die Qualitäten, die wir brauchen, um unsere Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen und sie aktiv zu gestalten. Eine Zukunft, die es wert ist, gelebt zu werden.

WIR alle sind Government.

WIR managen das Netzwerk-Zeitalter.

Willkommen in UNSERER Welt.

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Der Artikel ist ursprünglich erschienen auf Medium.com hier.

Zuerst erschienen auf Englisch hier.