Ein Moment der Wahrheit: Arbeit und Wirtschaft in der Netzwerkgesellschaft

Isabella Mader
Original Post in English: http://www.druckerforum.org/blog/?p=1097

Die Sharing Economy liefert einen Vorgeschmack darauf, wo sich die Gesellschaft hin entwickelt. Bereits jetzt und in Zukunft noch mehr wird die derzeit noch von Angestellten erbrachte Arbeit von On-Demand Plattformen gebucht werden: Grafikdesign, Sekretariatstätigkeiten, Programmierung … Die logischen Konsequenzen sind Kündigung von Arbeitskräften und ein starker Anstieg der „kleinen Selbständigen“, die ihre frühere angestellte Tätigkeit nun als Freiberufler, EPUs o. ä. erbringen – oft zu weit schlechteren Konditionen als zuvor. Im Jahr 2015 überstieg der Anteil der Freiberufler in den USA erstmals eine Rekordmarke: 40 Prozent aller Arbeitskräfte in den USA haben nur unsichere “McJobs” [1]. Diese Entwicklung zeigt allerdings weltweit deutlich, dass angestellte Tätigkeit ein Auslaufmodell ist und künftig zügig erodieren wird. Firmen werden auf einen strategischen Kern von Managementfunktionen schrumpfen und die meisten Tätigkeiten werden über Plattformen gebucht werden.

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Solcherart zur Ware gewordene Wissensarbeit erlebt aber auch eine Globalisierung des Wettbewerbs und damit des Preiskampfes (es sei denn, sie ist ortsgebunden wie Taxifahren). Die Konkurrenz sitzt in Billiglohnländern und beschert der Dienstleistung jene Konkurrenz, die die Industrie längst kennt. Crowdworker (Freelancer auf Plattformen) werden keinen Arbeitsvertrag haben, sie werden stattdessen allgemeine Geschäftsbedingungen unterschreiben. Ihre Bezahlung wird außerdem im Auktionsprinzip festgelegt (zumeist durch Unterbieten), und nicht durch Mindestlöhne oder Kollektivverträge. Darüber hinaus wird ihre Arbeit von einer Software bzw. von einem Algorithmus vergeben, das heißt: ein Computer ist „der Chef“.

Wir können daher einerseits von menschlicher „Arbeit über dem Algorithmus“ sprechen, der die Plattformen baut, und andererseits von menschlicher „Arbeit unter dem Algorithmus“, die ihre Aufträge von der Plattform erhält [2]. Die „Arbeit über dem Algorithmus“ programmiert ihre Ideologie bereits in den Code, und in vielen Fällen ist das die Idee des Lohn- und Sozialdumpings. In der Sprache der „Turkers“ (so nennen sich die Freelancer auf der Plattform Amazon Mechanical Turk): „Wage theft is a feature, not a bug“ (Lohndumping ist kein Fehler, sondern die eigentliche Funktion).

ondemand sharingeconomy merkmaleAll das war schon einmal da: Wenn eine Ära zu Ende geht und eine andere beginnt, erleben wir Veränderung in einem höheren Tempo und Ausmaß als in den Zeiten dazwischen – die gesamte Gesellschaft wird von dieser Disruption erfasst. Derzeit verlassen wir gerade das Industriezeitalter und stehen am Beginn der Netzwerkgesellschaft. Als zuletzt, über Jahrhunderte, die Antike in die Industriegesellschaft überging, wurden traditionelle Handwerker durch frühe Industrien aus dem Geschäft gedrängt. Auch das war eine Disruption. Sogar die Staats- und Regierungsformen unterlagen damals einer Disruption: Aus vielen früheren Monarchien wurden demokratische Republiken. Die hier besprochenen, frühen Industriellen nannte man „Robber Barons“ (Räuberbarone); sie konnten große Reichtümer anhäufen, weil sie im Besitz der Produktionsmittel (Fabriken und Maschinen) waren. Das gab ihnen die Macht, Arbeitsbedingungen und Löhne zu diktieren. Die Arbeiterschaft war abhängig und ausgeliefert. Die später entstandenen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegungen stellten die Balance wieder her.

Heute raufen Menschen, die aus klassischen Angestelltenverhältnissen gedrängt wurden oder als Freiberufler nicht genug verdienen, um Aufträge auf Plattformen, die mit einem kleinen Bruchteil jedes möglichen Mindestlohns bezahlt werden –  mehrere hunderttausend von ihnen allein auf der Mechanical Turk Plattform von Amazon. Dies erinnert an die letzte Zeitenwende, aber es gibt einen gravierenden Unterschied: die neuen „Digital Robber Barons“ besitzen Daten und Infrastruktur und treten nur als Intermediäre bzw. Vermittler auf. Uber als das größte Taxiunternehmen der Welt besitzt kein einziges Taxi, Airbnb als größter Ferienwohnungsanbieter besitzt kein einziges Appartement und Facebook als der größte Medienkonzern der Welt produziert keinen Content. Sämtliche physischen Produktionsmittel, die zur Leistungserbringung notwendig sind, werden von den Arbeitenden eingebracht.

Geschäftsmodelle und die Art, wie wir arbeiten, sogar Regierungsformen, stehen heute wieder zur Disposition an und für radikalen Wandel. Freilich kann und wird dies auch eine Chance für Millionen von Menschen sein, Arbeit für sich selbst auf selbstverantwortliche Weise zu schaffen. Wenn wir den Gedanken von Angus Deaton folgen, kann dieser Prozess des internationalen Wettbewerbs um Dienstleistung auch eine Möglichkeit für Entwicklungs- und Schwellenländer sein, besser am internationalen Wachstum teilzunehmen. Die Menschheit hat eine lange Geschichte hinter sich im Kampf für und die Verhandlung von Sozial- und Lohnstandards – womit wir uns über die Stammes- und Feudalsysteme bzw. die Ausbeutung durch die frühen „Robber Barons“ als Gesellschaft erhoben haben. Während Geschäftsmodelle also einer Disruption unterliegen können und werden, darf das für soziale Errungenschaften so nicht gelten: Statt einem Rückfall in die Zustände zu Beginn der Industrialisierung ist eine Anpassung und Weiterentwicklung des bisher Erreichten an die Gegebenheiten der Netzwerkgesellschaft nötig. Letztlich geht es nicht umMenschen gegen Maschinen“; die Frage ist vielmehr, wie Menschen mit Menschen umgehen.

Der häufig gehörte Zuruf, die Wirtschaft werde diese Umwälzungen schon selbst regulieren, um zu fairen Arbeitsbedingungen zu kommen, ist freilich wenig realistisch und in der Geschichte bisher ohne Evidenz. Ohne eine (neue?) Art von (internationalen?) Gewerkschaften und angemessene rechtliche Rahmenbedingungen für Crowdworking werden diese neuen Selbständigen vermutlich keine nachhaltigen und angemessenen Arbeits- und Lohnstandards erreichen können. Auch hier zeigt der Verweis auf die Geschichte: Ohne Einheit und starke Vertretung wird es nicht gehen. Die Verantwortung für einen möglichst zivilisierten Übergang an dieser gesellschaftlichen Zeitenwende, und um Proteste und Aufstände aufgrund von steigender Armut oder Massenarbeitslosigkeit zu vermeiden, liegt bei den Regierungen. Dabei sehen diese sich zwei zentralen Aufgaben gegenüber: Einerseits sind die rechtlichen Rahmenbedingungen an die Gegebenheiten der Netzwerkgesellschaft anzupassen, und andererseits zeigt sich die Notwendigkeit, gemeinsam mit der Bevölkerung ein System an Werten festzulegen, nach der die Gesellschaft in der neuen Zeit der Netzwerkgesellschaft funktionieren soll.

Regierungen könnten nämlich genauso wie Unternehmen einer Disruption ausgesetzt sein, diesmal möglicherweise von großen Unternehmen der Privatwirtschaft wie den internationalen Internetkonzernen. Diese könnten später eventuell Unternehmensstaaten bilden, ähnlich der Seasteads (schwimmende Städte von Gleichgesinnten, die als souveräner Staat anerkannt werden), wie sie Peter Thiel von Paypal vorgeschlagen hat [3]. Wer weiß? Regierungen sind jedenfalls bereits massiv unter Druck geraten und werden sogar in ihrer Existenzberechtigung angegriffen, die Fähigkeit zur Gestaltung wird dabei teilweise bereits abgesprochen: John Clippinger vom MIT kann dazu mit seiner wiederholten Aussage „Wer braucht Regierungen?“ zitiert werden. Derzeit sind Regierungen mit sehr mächtigen privatwirtschaftlichen Unternehmen konfrontiert, während das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Fähigkeit, Probleme (wie das drohende Erodieren von Sozialstandards) zu lösen schwindet.  Regierungen werden als Faktor der Balance und zum Wahren der Rechte der Bürger gebraucht. Deshalb stellt sich die Frage: Wie können Regierungen ihre eigene Disruption erfolgreich bewerkstelligen?

network era societies chart_dIm Lauf der Menschheitsgeschichte haben die Organigramme der Wirtschaft und der Regierungsformen jeweils das Layout der jeweiligen Gesellschaftsform angenommen. Derzeit sehen wir eine Umwandlung der Organigramme in Richtung von Netzwerkstrukturen. Deshalb müssten auch Regierungen künftig mit Netzwerken interagieren und arbeiten, um den Kontakt mit der Bevölkerung wieder zu etablieren und gegenseitiges (!) Vertrauen aufzubauen. Veränderungen würden dann nicht oktroyiert, sondern gemeinsam gestaltet. Solcherart gemeinsam erarbeitete Ergebnisse würden dann – im Gegensatz zu vielen aktuellen Initiativen – auch besser mitgetragen.

Wenn wir schließlich noch darüber nachdenken, wie wir gemeinsam eine neue Vision und ein gemeinsames Verständnis unserer Zukunft schaffen sollen, drängt sich ein Buch von Jonathan Lear auf: In „Radical Hope“ [4] erzählt er die Geschichte vom Stamm der Crow Indianer, die mit dem Aussterben des Büffels konfrontiert waren – ihre so gut wie einzige Quelle von Arbeit und Nahrung. Sie waren mit dem Ende ihrer Kultur konfrontiert: Die Art, wie sie Jahrhunderte lang gelebt hatten, würde unweigerlich enden. Ihr Häuptling Plenty Coups reagierte auf die Verzweiflung und Depression seines Stammes mit der Idee, dass seine Nation eine gemeinsame, neue Vision davon schaffen musste, wie sie in der Zukunft leben und essen wollten. Er nannte dieses Konzept „Radical Hope“. Der Ökonom Lawrence Summers warnte jedoch zu Recht, dass die Welt derzeit zu wenige Führungspersönlichkeiten dieser Art hätte  –  in etwa wie jene, die im Industriezeitalter Politik und Gesellschaftsordnung neu gedacht und umgesetzt hatten [5].

Der Stamm der Crow überlebte. Heute ist es die gemeinsame Verantwortung der heute lebenden Generationen, eine Zukunft zu schaffen, die inspirierend und lebenswert ist – und zwar nicht nur für einige wenige, sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Ein starker öffentlicher Sektor müsste dazu wieder in den Ring steigen, um mitzuhelfen, neben einer Shared Economy auch gesellschaftlichen Wohlstand, also gewissermaßen „Shared Prosperity“ aufzubauen.

[1] Pofelt, Elaine; Shocker: 40% of Workers Now Have ‘Contingent’ Jobs, Says U.S. Government. Forbes, 25.5.2015. [Online]: http://www.forbes.com/sites/elainepofeldt/2015/05/25/shocker-40-of-workers-now-have-contingent-jobs-says-u-s-government/

[2] Compare: Wing Kosner, Anthony: Google Cabs And Uber Bots Will Challenge Jobs ‘Below The API’. Forbes, 4.2.2015 [Online]: http://www.forbes.com/sites/anthonykosner/2015/02/04/google-cabs-and-uber-bots-will-challenge-jobs-below-the-api/

[3] Al-Ani, Ayad: In Zukunft könnte es Unternehmensstaaten geben. Die Zeit, 3.9.2015 [Online]: http://www.zeit.de/karriere/2015-08/digitaler-wandel-zukunft-unternehmen-staaten

[4] Lear, Jonathan; Radical Hope – Ethics in the Face of Cultural Devastation. Harvard University Press, 2008.

[5] Hill, Andrew; Divisions emerge over effect of digital disruption. Financial Times, 24.1.2014- [Online]: http://app.ft.com/cms/s/3a7190a2-84df-11e3-8968-00144feab7de.html

 

Über die Autorin:

Isabella Mader ist Vorstand des Excellence Institutes und Lektorin an mehreren Universitäten mit den Schwerpunkten Wissensmanagement, Informationsmanagement und IT-Strategie. 2013 wurde sie mit dem Award “Top CIO of the Year” ausgezeichnet. Ihr aktueller Fokus liegt auf den Themen Netzwerkökonomie, Communities und Sharing Economy.