Netzwerkgesellschaft: Von Denkfallen und Zeitenwenden

Sharing Economy, selbststeuernde Netzwerke, Demokratisierung der Information, “Teilen ist das neue Besitzen”, billiges und schnelles Geld durch Crowdfunding, mehr Innovation durch Crowdsourcing … das hat man jetzt so. Nebenbei unterrichten wir im Bewusstsein der totalen Überwachung unter dem Titel Medienkompetenz letztlich konformes Verhalten. Zuletzt auch wieder häufiger gehört: „Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten.“ Hier drängt sich die Frage auf, ob es eine Art kollektiver Alzheimer ist, der die Erinnerung an jene Regime, die mit dieser Floskel zuletzt operierten, ausblendet? Schnitt.

Tatsächlich befinden wir uns mitten in der Zeitenwende von der modernen Gesellschaft zur Netzwerkgesellschaft. Die Stammesgesellschaft begann mit der Erfindung der Sprache, die Antike Gesellschaft mit der Schrift, die Moderne Gesellschaft mit dem Buchdruck. Und der Wandel zur Netzwerkgesellschaft startete mit der Erfindung und globalen Verbreitung des Internets. Bei jedem Übergang veränderten sich Kommunikationsverhalten, Komplexität und Hierarchien.

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Im Normalfall vollziehen sich solche Übergänge freilich in einigen Jahrzehnten. Zeitenwenden bedingen immer die Verschiebung der Machtverhältnisse und ein Auseinanderklaffen der Gesellschaft entlang der neuen Kulturtechniken (sozial und wirtschaftlich).

An der vorigen Zeitenwende zur modernen Gesellschaft wurde der Buchdruck erfunden. Alle konnten plötzlich ein Buch haben. Großartig! Es war zu diesem Zeitpunkt allerdings auch von Vorteil, lesen zu können, um in den Genuss der Segnungen dieser Innovation zu kommen. Schließlich wurde die Schulpflicht eingeführt.

An der Zeitenwende, an der wir jetzt stehen, ist diese Kulturtechnik die Nutzung des Internets samt begleitender Technologien. Das Tückische daran ist, dass es so aussieht, als könnten alle gleichberechtigt teilnehmen. Tückisch und trügerisch, denn Medienkompetenz heißt nicht, ein Jahr unfallfrei Facebook bedienen zu können. Die Bedingungen könnten darüber hinaus ungleicher gar nicht sein. Der kleine Buchhändler gegen Amazon? Eine Million Nutzer gewinnt gegen Facebook? Bestimmt. Wo? Wann jemals wirklich?

Sharing Economy: ein Trojaner?

Die Grundwerte der Netzwerkgesellschaft sind Solidarität und Teilen. Die Sharing Economy bedient ein geradezu sozial(demokratisch)es Ideal. Grundsätzlich ist es freilich auch in Ordnung, wenn einer die Autos kauft, die andere verwenden, dass sich alle angemessen beteiligen. Was aber früher unter Nachbarschaftshilfe lief, heißt jetzt Airbnb und ist ein Geschäft, das Branchen mit teuren Auflagen für Betriebsanlagen, Brandschutz etc. eine Konkurrenz bringt, die diese Auflagen nicht hat und somit ungleiche Marktverhältnisse herstellt.

Ist es immer noch so romantisch, wenn die Finanzierungskosten bei Crowdfunding gleich einmal mit 9 bis 15 Prozent zu Buche schlagen, während sich Konzerne Millionen zu kaum relevanten Zinsen leihen? Die Sharing Economy ist ein gutes Geschäft für Wirtschaftstreuhänder und Rechtsanwaltskanzleien. Die hohen Finanzierungskosten treffen jedoch gerade jene Startups, auf die wir für die Belebung der Wirtschaft hoffen – aber zu deren sehr groben Benachteiligung hier die Lasten verteilt sind. Diese Hoffnung kann sich in der derzeitigen Situation also kaum erfüllen. Soweit zu CrowdFUNDING oder Crowdfinanzierung.

Zu CrowdSOURCING, also dem Ziehen von innovativen Ideen aus der Öffentlichkeit, stellt sich nur eine einzige provokante Frage: Ist es das neue Lohndumping? “Kündigt doch die Leute in F&E, die da draußen machen’s gratis oder einer von 500 gewinnt ein Jahresabo von was immer” – ließe sich hier provokant formulieren.

Auch bei der unter dem Titel “Demokratisierung der Information” propagierten Informationsfreiheit dürfen wir uns fragen, wem freigegebene Open Government Daten im großen Stil wirklich nutzen. Mit für Individuen oder KMU unerschwinglich teurer Software ist Konzernen im Informationsgeschäft das Rückrechnen anonymisierter Daten bereits nach wenigen Tagen geglückt. Von Demokratisierung der Information (und gesicherter Anonymität) kann also keine Rede sein.

Im Stile der Sendung mit der Maus könnte man sagen: Sieht romantisch aus, ist es aber nicht.

Instabilität und Vertrauensverlust

So gut wie alles in der Gesellschaft verändert sich an einer Zeitenwende: Arbeit, Geschäftsmodelle, Werte. Besonders augenfällig an Zeitenwenden ist, dass gleich eine ganze Reihe von Berufen verschwindet, und zwar deutlich mehr als zu “normalen” Zeiten. Es entstehen aber auch eine ganze Reihe mehr Berufe als zu “normalen“ Zeiten. Dennoch verbreitet sich vorerst ein Gefühl der Angst in der Gesellschaft, weil ja die Gründe für die Entwicklung nicht klar sind. Seit Mitte der 1960er Jahre prangt der “Jobkiller Automation” auf Titelblättern. Als beobachtbares Ergebnis entstehen daher ein Gefühl der Instabilität und Vertrauensverlust gegenüber Führungskräften in Unternehmen und Politik, die ja für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft zuständig scheinen. In Übergangszeiten zwischen Gesellschaftsformen funktionieren die bisherigen Konzepte allerdings nicht mehr. Das erodiert Vertrauen. Wie könnten diese Netzwerkgesellschaft-kompatiblen Konzepte nun also aussehen?

  1. Miteinander ist das neue Gegeneinander

Bisher galt die Devise: “Konkurrenz belebt das Geschäft”. In der Netzwerkgesellschaft gilt: “Miteinander belebt das Geschäft.” Wie in zahlreichen Studien, allen voran durch Alexander Pentland (M.I.T.) aufgezeigt, sind jene Berufsgruppen, Unternehmen oder Städte wirtschaftlich wesentlich erfolgreicher, in denen mehr Kommunikation und Wissenstausch stattfinden kann. Das gilt für Callcenter Agents genauso wie für Börsenmakler und ganze Städte. Je mehr Interaktion, Durchmischung, Interkulturalität und Interdisziplinarität, desto mehr Innovation, Wertschöpfung und Wohlstand. Kooperation ist daher der Imperativ in der Netzwerkgesellschaft. Schlechte Nachrichten für die „Grenzen-dicht-Fraktion“.

  1. Beteiligungskultur lernen

Unsere aktuelle Kultur ist geprägt von der Einstellung, dass “die da oben doch ohnedies machen, was sie wollen”. Beteiligung heißt für viele heute noch, zu einer Versammlung zu gehen, eine Schimpftirade loslassen, ein Paper mit Anschuldigungen auf den Tisch zu knallen und wieder zu gehen. Im besten Fall, ohne die Tür beim Hinausgehen aus den Angeln zu schlagen. Bewegt wird so freilich nichts. Beteiligungskultur hatten wir nie, können wir nicht. Ist also zu lernen. Sie entsteht allerdings nicht auf Zuruf über ein Mailing, sondern so:

  1. Legitimation heute: Beteiligung funktioniert nur auf Gegenseitigkeit

Macht wird zunehmend weniger in Wahlen oder durch Stellenbesetzung im Management gewonnen. Legitimation wird durch Beteiligung generiert – und zwar nicht nur dadurch, dass sich die Bevölkerung an Vorgängen und Problemlösungen beteiligen kann, sondern auch dadurch, dass Management oder Politik sich am Leben der Menschen beteiligen und Probleme gemeinsam angegangen werden. Management oder Government müssen im Sinne des bisher Gesagten also weniger versprechen, und können dafür mehr um Beteiligung bitten, wenn die Beteiligung auf Gegenseitigkeit beruht. Veränderung kann auf diese Weise gemeinsam gestaltet statt oktroyiert werden. Aber vor allem gilt: Wir werden mehr mit einander reden müssen. Wenn wir uns nämlich ansehen, welche öffentlichen oder unternehmensinternen Projekte wirklich Begeisterung und Beteiligung generieren, dann sind es nicht die, bei denen wir eine Datenbank hingestellt und eine Aussendung gemacht haben. Es sind die, in denen mit gegenseitigem Interesse geredet wurde.

Isabella Mader